Velofahrende Rechts-Professoren
In der Vorlesung wollte unser Rechts-Professor das so genannte Opportunitätsprinzip mit einem Beispiel illustrieren. Dieses bietet die Möglichkeit, strafrechtlich verbotenes Verhalten unter bestimmten, im Gesetz näher bezeichneten Voraussetzungen straflos zu lassen.
So erzählte er, wie er von der Polizei angehalten wurde. Weil er mit dem Velo an einer roten Ampel vorbeigefahren ist. Obwohl da Polizisten standen. Ja, er habe das Rotlicht schon gesehen, habe er ihnen erzählt. Aber er sei weitergefahren, weil er dies schon seit drei Jahren immer so mache, und damit sicher auch jetzt. Weil er genau einschätzen könne, wann er dies gefahrlos machen könne. Und weil es bergauf ging und er Schwung verloren hätte. Er habe gemerkt, dass die Polizisten ihn schon verstehen konnten. Er hat sie ja auch verstanden, und wäre auch empört gewesen, wenn sie ihn nicht angehalten hätten. Sich gegenseitig verstehen, das sei das Opportunitätsprinzip. Oder vielleicht doch nicht? Die Polizisten haben ihn dann weiterfahren lassen.
Doch auch auf dem Weg von der Vorlesung zurück zum in der nahen blauen Zone parkierten Auto fällt mir kein Gesetz ein, welches das Missachten des Rotlichts den Velofahrern gestattet. Aber mittlerweile können sich Velofahrer wohl auf Gewohnheitsrecht berufen: Es fahren schliesslich sowieso alle Velofahrer bei Rot durch. Eher noch würde heutzutage ein vor dem Rotlicht anhaltender Velofahrer gebüsst: Denn durch sein Verhalten würde er sofort andere Velofahrer gefährden, die nicht mit einem solchen Hindernis vor der Ampel rechnen. Das Ergebnis: Eine grosse Auffahrkollission auf dem Velostreifen.
Eins ist mir aber klar: Hätte ein Autofahrer das Rotlicht missachtet, wäre er jetzt mindestens 250 Fr. ärmer. Dem Beispiel des Professors folgend verstehe ich damit nun auch das Opportunitätsprinzip: Die Velofahrer dürfen, die Autofahrer sicher nicht.


Eine nicht ganz zu Ende gedachte Aussage.
Es ist schlichtweg haarsträubend die Verantwortung auf andere/den stärkeren Verkehrsteilnehmer abzuwälzen.
Von der (in dem Fall eher schlechten) Vorbildrolle mal abgesehen, haben Kinder und ältere Leute oft grosse Probleme Geschwindigkeit und Verhalten des herannahenden Fahrzeugs (egal ob Velo, Auto oder Motorrad) zu erahnen.
Das eine Kollision mit einem Fahrrad für einen Fussgänger auch schon bei moderaten Geschwindigkeiten tödlich enden kann, hat man ja nicht erst einmal gesehen.